Interne Wissenschaftskommunikation – Eine Mindmap
Im vorletzten Beitrag habe ich versucht, mich der Begrifflichkeit “Interne Wissenschaftskommunikation” dahingehend zu nähern, dass ich eine Unterscheidung in interne Wissenschaftskommunikation im engeren und im weiteren Sinne vorgenommen habe. Nachfolgend soll diese Unterscheidung nun nochmals aufgegriffen, präzisiert und erweitert werden.
Zur Wiederholung: Interne Wissenschaftskommunikation im engeren und weiteren Sinne
Zur Erinnerung (und für diejenigen, die sich erst jetzt zugeschaltet haben) hier nochmal die Kernthese in Kurzfassung: Interne Wissenschaftskommunikation bezeichnet eine Kommunikation innerhalb des Wissenschaftssystems, also zwischen Wissenschaftlern über wissenschaftliche Inhalte 1. Im engeren Sinne ist dabei eine interne Wissenschaftskommunikation zu verstehen, welche in institutionalisierten und stark formalisierten Bahnen abläuft. Gemeint sind damit primär Veröffentlichungen im Peer-Review-Verfahren sowie entsprechende Vorträge auf universitären Tagungen und Kongressen. Interne Wissenschaftskommunikation im weiteren Sinne ist weniger stark institutionalisiert und findet in informelle(re)m Rahmen statt. Soweit zur Wiederholung.
Offene und geschlossene interne Wissenschaftskommunikation
Diese zweite Form (im weiteren Sinne) kann nun nochmal unterteilt werden. Nämlich in offene und geschlossene interne Wissenschaftskommunikation. Beide Typen sind durch schwache, auf Qualitätssicherung bezogene, institutionalisierte Formalisierungen gekennzeichnet. Bei der Bewertung kommunikativer Beiträge kann man sich also nicht auf ein übergeordnetes Verfahren verlassen, welches den Beiträgen sowohl wissenschaftliche Relevanz attestiert, als auch den Autor als qualifizierten Experten auszeichnet2.
Geschlossene interne Wissenschaftskommunikation
Innerhalb einer geschlossenen Gruppe von Kommunikationsteilnehmern wird Vetrauen in die Beiträge der anderen Gruppenmitglieder durch andere Faktoren gewährleistet. Am wichtigsten scheinen mir dabei die Zugangsvoraussetzungen zur Gruppe zur sein. Hierdurch wird gewährleistet, dass die Kommunikationsteilnehmer qua Mitgliedschaft in der geschlossenen Gruppe prinzipiell in der Lage sind, bestimmte qualitative Standards in der Kommunikation zu erfüllen. Man kann also deren Äußerungen insofern Vetrauen schenken, dass man ein bestimmtes Grundmaß an Sachverstand vorraussetzen kann.
Es gibt weitere Faktoren, die für ein wechselseitiges Vetrauen in geschlossenen Gruppen (in Bezug auf die wissenschaftliche Qualität der Beiträge) relevant sind. Ich werde auf diese jedoch erst im nun folgenden Abschnitt über die offene interne Wissenschaftskommunkation eingehen, da sie hier wie dort von Bedeutung sind, in geschlossenen Gruppen jedoch vom genannten Faktor der Zugangsvoraussetzungen überlagert wird, während sie in offener Kommunikation die Vertrauensbildung alleine leisten müssen.
Techniken zur Vertrauensbildung
Gerd Sebald stellt in in seinem Aufsatz “Person und Vetrauen – Mediale Konstruktion in der Online-Kooperation der Free/Open-Source-Softwareentwicklung” die These auf,
“dass sich in komplexeren und länger anhaltenden Formen der Online-Kooperation spezifische Taktiken der Kommunikation herausbilden, in denen Person und Vertrauen (im Sinne Luhmanns) über vier Mechanismen konstruiert werden: a) durch Probezeiten, b) durch multimediale Absicherungen der Konstruktionen, c) durch Rückgriff auf externe Institutionen und d) schließlich durch realweltliche Treffen.”3
Offene interne Wissenschaftskommunikation
Im folgenden möchte ich versuchen diese These auf Weblogs zu übertragen. Wie der Mindmap zu entnehmen ist, ordne ich Weblogs dem Bereich offene interne Wissenschaftskommunikation zu. Zunächst möchte ich kurz die Problematik der Vertrauensbildung unter den Teinehmern einer solchen Kommunikation anreißen. Aus der Perspektive eines unbeteiligten Beobachters fällt es im Kontext offener interner Wissenschaftskommunikation (welche immer auch eine interne Wissenschaftskommunikaton im weiteren Sinne ist) schwer, kommunikative Akte (wie Beiträge und Kommentare in Weblogs) auf ihre wissenschaftliche Qualität zu prüfen. Es fehlen gesellschaftlich anerkannte, institutionalisierte und formalisierte Mechanismen der Qualitätssicherung (wie in der internen Wissenschaftskommunikation im engeren Sinne) ebenso wie ein, aufgrund von Zugehörigkeit zu bestimmmten zugangsbeschränkten Gruppen (s.o.), gerechtfertigtes Vertrauen in die Qualifikation der Beteiligten.
Oben habe ich behauptet, dass interne Wissenschaftskommunikation eine Kommunikation unter Wissenschaftlern darstellt. Weblogs sind aber per se öffentlich. D.h. sowohl Publizieren, Kommentieren und Rezepieren ist prinzipiell jedem möglich. Das impliziert, dass in Weblogs veröffentlichte (und als wissenschaftlich ausgegebene) Kommunikationsbeiträge mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit fachlich nicht fundiert sind. Diese Gefahr besteht auch bei den beiden anderen hier genannten Formen der internen Wissenschaftskommunikation jedoch, aufgrund der genannten Faktoren, in wesentlich geringerem Maße.
Für Weblogs besteht zur Zeit keine übergeordnete institutionalisierte und anerkannte Instanz, welche Wissenschaftlichkeit attestiert. Damit aber trotzdem ein Diskurs -im Sinne interner Wissenschaftskommunikation- in der “Blogosphäre” stattfinden kann, muss Vetrauen in die jeweiligen Teilnehmer anders konstruiert werden (eine Gruppe von Teilnehmern, welche sich gegenseitig in Bezug auf ihre fachliche Kompetenz (und Ernsthaftigkeit ihrer Absichten) vetrauen, stellt quasi eine InGroup, analog zu den beiden anderen Typen interner Wissenschaftskommunikation dar).
Person und Vertrauen
Sebald gibt in seinen Artikel einen kurzen Abriss des Luhmannschen Personenbegriffs. Im Rahmen dieses Blogartikels soll das Luhmannsche Personenkonzept folgendermaßen (verkürzt) verstanden werden werden: Person dient im sozialen System als Repräsentation von handlungseinschränkenden Attributen des jeweiligen Gegenübers und ist damit ein wichtiger strukturbildender Faktor sozialer Interaktionssysteme. Der Begriff der Person dient also der Reduktion von Komplexität und wirkt dem Problem der doppelten Kontingenz entgegen indem durch sie eine Grundlage für Erwartungen, Erwartungserwartungen und erwartete Erwartungserwartungen dargestellt wird.
Sebald weist auf die in der Luhmannschen Systemtheorie wichtige Differenz von Vertrauen/Misstrauen hin (wobei Misstrauen den Fortbestand des Systems gefährdet). Über die Personen, welche sich wechselseitig Vetrauen entgegenbringen wird der Fortbestand des Systems gesichert.
In seinen Aufsatz führt Sebald ergänzend eine weitere Konzeption von Person ein. Nämlich die von Alfred Schütz. Mit Hilfe des Schützschen Personenbegriffs trifft Sebald eine Unterscheidung von Kommunikation in umweltliche (face-to-face) und mitweltliche (medial basierte) Konstitution. Mir scheint diese zusätzliche Unterscheidung allerdings in dem hier diskutieren Zusammenhang weniger relevant (eine Begründung dieser Ansicht kann bei Bedarf nachgeliefert werden).
Interne Wissenschaftskommunikation, welche auf öffentlich zugänglichen Blogs basiert, bedarf also eines vetrauenschaffenden Mechanismus, welcher wiederum auf der Konstruktion von Person beruht. Diese Kontruktion kann nun über die von Sebald vorgeschlagenen Kommunikationstaktiken (s.o.) erfolgen. Zm Ende dieses Beitrags sollen diese Taktiken in Bezug zu Blogs gesetzt werden, welche auf diese Weise einer internen Wissenschaftskommunikation zugeordnet werden können. Sebalds Reihenfolge wird hier abgeändert und in eine weblogspezifische Hirachie gebracht:
Multimediale Absicherungen der Konstruktionen
Hiermit ist die webbasierte Selbstdarstellung der Kommunikationsteilnehmer gemeint. Auf entsprechenden Seiten liefern die Blogger eine Selbstdefinition der eigenen Person. Sofern sie sich in selbiger als anerkannte, fachlich versierte Wissenschaftler präsentieren stellt dies einen relevanten (aber nicht ausreichenden) Faktor zur Bildung von Person und damit Vetrauen dar.
Rückgriff auf externe Institutionen
Im Kontext von wissenschaftlicher Weblogkommunikation dient der Rückgriff auf externe Institutionen ebenfalls der Bildung von Person und Vetrauen. Die Mitgliedschaft in universitären o.ä. Institutionen stellt dabei sowohl ein Gütekriterium (im Sinne von fachlicher Kompetenz) als auch ein beschreibendes Element hinsichtlich des Fachgebietes dar. Diese Information wird häufig ebenfalls webbasiert dargestellt.
Probezeiten
Eine weiterer Faktor zur Schaffung von Vetrauen in die Wissenschaftlichkeit von Blogbeiträgen kann analog zu Sebald mit Probezeit bezeichnet werden. Im Kontext von Weblogs kann die Probezeit mangels übergeordneter institutionalisierter Strukturen nicht von einer Probezeit im klassischen Sinne gesprochen werden. Es ist nicht möglich einen zeitlichen Anfang und ein Ende zu definieren. Auch gibt es keine festgelegten Kriterien, an welchen sich ablesen ließe ob die Probezeit bestanden ist. Der Übergang von Probezeit in den Status eines aktzeptierten Wissenschaftsblogs ist eher fließend. Jeder Rezipient bildet sich (auch aufgrund der beiden erstgenannten Taktiken) durch individuelle Bewertungen (basierend auf dem eigenen Wissenshorizont) der Beiträge eine Meinung hinsichtlich des wissenschaftlichen Niveaus des Blogs. Wenn diese Bewertungen über die Zeit tendenziell positiv ausfallen, trägt dies zur Vetrauensbildung bei. Dieser Prozess kann dadurch unterstützt und beschleunigt werden, dass andere (bereits mit umfangreichem Vertrauen ausgestattete) Blogger ebenfalls durch positive individuelle Bewertungen Vertrauen bilden und dies durch ernsthafte Kommentare und Verlinkungen sichtbar machen.
Realweltliche Treffen
Schließlich können realweltliche Treffen den Prozess der Vertrauensbildung von Bedeutung sein. Allerdings scheint es plausibel, dieser Taktik primär einen verstärkenden denn bildenden Charakter zuzuschreiben. Aufgrund der umfangreicheren Möglichkeiten welche die Face-to-Face Komunikation bei realweltlichen4 Treffen erlauben, kann durch sie der Grad der zugeschriebenen individuellen Integrität gefestigt werden. M.E. kann ausreichendes Vetrauen aber auch ohne realweltliche Treffen aufgebaut werden.
Zusammenfassend ist feszuhalten, dass Weblogs innerhalb der internen Wissenschaftskommunikation hinsichtlich der Vertrauen schaffenden Mechanismen eine Sonderstellung einnehmen, da keine übergeordeten, institutionalisierten Strukturen vorhanden sind. Die Beurteilung, ob und inwiefern ein Blog der seriösen internen Wissenschaftskommunikation zuzuordnen ist, findet in einem kollektiven Prozess der an der Kommunikation beteiligten Subjekte statt. Ob und welche diesbezügliche Strukturen zukünftig entstehen werden, bleibt abzuwarten. Auch ist gegenwärtig unklar, wie sich gesellschaftliche (und damit auch wissenschaftsinterne) Kommunikation zukünftig in völlig neuen Formen organisieren wird. Bedenkt man aber, dass auch die in der internen Wissenschaftskommunikation in engeren Sinne vorhandenen Qualitätssicherungsformen erst in einem längeren Prozess entstanden, ist eine zunehmende Strukturierung nicht unwahrscheinlich.
- Hierzu zählt übrigens auch die Kommunikation von Dozent zu Student, nicht jedoch diejenige von Wissenschaftler zu Laien. ↩
- Mir ist bewusst, dass auch die genannten Verfahren einer internen Wissenschaftskommunikation im engeren Sinne keine Garantie für Wissenschaftlichkeit und Kompetenz abgeben. Allerdings ist das Verfahren (trotz gerechtfertigter Kritik), insgesamt anerkannt. ↩
- Sebald, Gerd: “Person und Vetrauen – Mediale Konstruktion in der Online-Kooperation der Free/Open-Source-Softwareentwicklung”; in: Stegbauer, Christian / Jäckel, Michael (Hrsg.): “Social Software – Formen der Kooperation in computerbasierten Netzwerken”, Wiesbaden 2008, S.11f. ↩
- Ich persönlich bin der Meinung, dass die Unterscheidung zwischen virtueller und realer Welt immer unschärfer und auch unbedeutender wird. ↩
Februar 9th, 2009 11:27
[...] Wissenschaftskommunikation im weiteren Sinne (offen)” eingeordnet und im zugehörigen Posting darüber nachgedacht wie im Kontext von Weblogs Vertrauen in die (Wissenschaftlichkeit der) Inhalte [...]
April 29th, 2009 16:10
[...] für eine schematische Darstellung von Wissenschaftskommunikation vorgestellt. Im Beitrag “Interne Wissenschaftskommunikation – Eine Mindmap” in diesem Blog habe ich diese grundlegende Idee bereits vor Längerem grob skizziert. [...]