Zurücktreten bitte
Wissenschaftskommunikation unterliegt augenscheinlich einem Veränderungsprozess in dem neue Medien eine wichtige Rolle spielen. Um diesen Veränderungsprozess zu untersuchen erscheint es mir sinnvoll, zunächst einen Schritt zurückzutreten und sich die Einbettung wissenschaftsinterner Kommunikation in einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang zu vergegenwärtigen. Ausgehend von der trivialen Einsicht, dass Wissenschaftskommunikation nicht außerhalb übergeordneter gesellschaftlicher Prozesse vonstatten geht, sollen nachfolgend einige diesbezügliche Gedanken ausgebreitet werden.
Eine weitere banale Erkenntnis ist die einer Interdependenz von technologischem Fortschritt und gesamtgesellschaftlicher Entwicklung. Durch gesellschaftliche Akzeptanz einer Technologie wird die Weiterentwicklung derselben vorangetrieben. Gleichzeitig führt die verstärkte Nutzung der Technologie zu gesellschaftlichen Veränderungen. Manuel Castells beschreibt in “Das Informationszeitalter”1 eindrucksvoll wie diese kulturell-technologische Koevolution vonstatten geht. Es würde den Rahmen dieses Postings mehr als sprengen, dieses Phänomen in seiner Gänze zu skizzieren.
In extremer Kurzform kann diese Entwicklung vlt. folgendermaßen zusammengefasst werden:
In ein kapitalistisches Gesellschaftssystem (basierend auf der protestantischen Ethik2) wird die technologische Möglichkeit von elektronischer Datenverarbeitung und Computervernetzung hinein entwickelt. Auch wenn diese Technologie zunächst im militärischen Bereich eingesetzt wurde, hat der Kapitalismus das Potenzial weltweiter Kommunikation ohne Zeitverzug erkannt und immer mehr für sich in Anspruch genommen. Über Universitätsnetze sprang die Vernetzungstechnologie zunächst auf die Finanzmärkte über und ermöglichte es dem Finanzmarktkapitalismus im Tempo stark zuzulegen. Eine Rückkopplung von dort in Richtung Verbesserung der Internettechnik beschleunigte wiederum deren Weiterentwicklung usw. Der globale Finanzmarkt übt über verschiedene Mechanismen Druck auf andere Märkte aus, sich ebenfalls dem neuen Tempo anzupassen und vernetzte Strukturen zu bilden.
Der Vernetzungsbegriff darf dabei nicht ausschließlich auf der technologischen Ebene verortet werden. Vielmehr fürt die faktische elektronische Vernetzung dazu, dass gesamte Märkte immer mehr als Netzwerke zu beschreiben sind. Da der Kapitalismus das Selbstverständnis westlicher Kultur repräsentiert, ist es nicht verwunderlich, dass seine (durch Vernetzung bestimmten) Organisationsstrukturen immer mehr in weitere gesellschaftliche Bereiche vordringen. So wird Raum und Zeit im Kontext sozialer Beziehungen immer unbedeutender, die Arbeitswelt wird tiefgreifend verändert und selbst das politische System muss sich, nach Ansicht mancher3, den Gesetzen des vernetzten Kapitalismus teilweise beugen.
Die Liste ließe sich lange fortsetzen.
Für den hier diskutierten Zusammenhang kann man daraus nun Folgendes ableiten:
Die technischen Möglichkeiten des Internet wirken über den Umweg des Kapitalismus auf die Gesellschaft grundlegend ein. Dadurch, dass die Netzwerklogik4 Einzug in viele gesellschaftliche Teilbereiche (insbesondere die Wirtschaft, aber auch die Wissenschaft) gehalten hat, geht von der Gesellschaft wiederum ein Impuls in Richtung der technologischen Entwicklung aus, Möglichkeiten zu schaffen, um den Vernetzungsgrad kontinuierlich zu erhöhen. Diese Spirale ist mindestens seit den 1970er Jahren wirksam und auch z.Zt. noch voll im Gange.
Vor diesem Hintergrund scheint mir Folgendes plausibel:
Allgemeine Web 2.0 Phänomene wie user-generatet: -filtering (digg.com), -organisation und distribution (del.ico.us) und -commentary (blogosphäre) wie sie anschaulich im interessanten Vortrag von Michael Wesch dargestellt werden, werden auch auf die wissenschaftliche Kommunikation in irgendeiner Form mehr oder weniger stark durchschlagen, denn das Wissenschaftssystem ist in allgemeine gesellschaftliche Entwicklungsprozesse eingebunden (unterliegt also der strukturellen Hierarchie an dessen Spitze die Finanzmärkte stehen) und ist damit dabei sich an eine in Netzwerken funktionierende globalere Welt anzupassen. Die Forderung nach besseren Vernetzungsmöglichkeiten geht also auch vom Wissenschaftsbetrieb aus und wird auf diesen in dergestalt zurückwirken, dass – dem allgemeinen Trend folgend – der Vernetzungsgrad erhöht, dieser dabei aber auf spezielle Bedürfnisse der Wissenschaftsgemeinde angepasst wird. Das sich diese Bedürfnisse auch hinsichtlich eines zunehmenden Eindringens kapitalistischer Routinen auch in den Wissenschaftssektor entwickeln, sei an dieser Stelle außen vor gelassen. Vor allem gilt es, Faktoren zu berücksichtigen, die für den Wissenschaftsbetrieb charakteristisch sind.
So ist Reputation und Ansehen im Wissenschaftsbetrieb ein hohes Gut, da dies einen wichtigen Faktor bei der Vergabe von finanziell attraktiven Positionen darstellt. Anerkennung erhält man in der Regel durch herausragende Forschung und damit durch Arbeiten mit denen man seinen Kollegen voraus ist. Ein gewisses Interesse am Schutz der eigenen Arbeitsgeheimnisse liegt also auf der Hand: Vernetzung der Kommunikation: Ja, aber Vernetzung aller Informationen: Nein.
Auch die Frage nach einer Qualitätssicherung von wissenschaftlicher Kommunikation ist ein Faktor, der in privater Web 2.0-Kommunikation eher unwichtig ist, in der Wissenschaftskommunikation aber einen zentralen Faktor darstellt. Dienste wie researchblogging.org gehen in diese Richtung.
Es ist zu erwarten, dass auch allgemeine Weiterentwicklungen des Web 2.0, wie Lifestreaming, auch in der Wissenschaftskommunikation Einzug erhalten werden. Dienste wie Socialcast (vgl. auch den Artikel auf netzwertig.com) schicken sich an, das Prinzip des “Folgens” bestimmter Personen in den Kontext professioneller Gruppenkommunikation und kollaborativen Arbeitens zu setzen und entsprechend spezieller Anforderungen zu optimieren.
Aber auch Varianten der seit längerem außerhalb des Wissenschaftsbetriebes erfolgreichen Social-Networking-Dienste werden auf die speziellen Anforderungen der Forschergemeinde getrimmt und sind seit kurzem verfügbar (Scholarz.net, ResearchGATE.net, SciLink.com).
Möglicherweise sind die hier beschriebenen Gedanken tatsächlich so trivial, dass sie keiner eigenständigen Erwähnung bedürfen. Ich selbst finde es allerdings recht hilfreich, sich diese Dinge nochmals bewusst vor Augen zu führen. Eine Forschung hinsichtlich der Veränderung von Wissenschaftskommunikation muss also zwei Hauptgruppen von Einflussbereichen berücksichtigen: 1. Allgemeine gesamtgesellschaftliche Veränderungen der Kommunikationskultur, da diese über diverse Mechanismen auf gesellschaftliche Subbereiche (wie die Wissenschaft) durchschlagen. 2.) Spezifische Anforderungen des Wissenschaftsbereiches an diese übergeordneten Kommunikationsmögichkeiten und die entsprechenden Anpassungen derselben.
Ich wage es daher zu behaupten, dass Wissenschaftskommunikation gewissermaßen zwangsläufig neue Formen annehmen und sich dabei an dem übergeordneten Prozess orientieren wird. Die Leistung der Science-Community besteht lediglich darin, spezifische Anpassungen an die eigenen Bedürfnisse vorzunehmen. Ein Ignorieren der gesamtgesellschaftlichen Umwälzungen wird auch im Wissenschaftsbetrieb langfristig unmöglich sein. Da “Verweigerer”, gemäß der Netzwerklogik, früher oder später aus dem System exkludiert und damit marginalisiert werden.
- Vgl.: Castells, Manuel : “Das Informationszeitalter Band 1 – Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft†(deutsch von Reinhart Kößler), Leverkusen: Verlag Leske + Budrich, 2001. ↩
- Vgl. Weber, Max: “Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismusâ€, Kaesler,Dirk (Hg.), München: C.H. Beck, 2004. ↩
- Vgl.: Sennet, Richard: “Die Kultur des neuen Kapitalismus†(deutsch von Michael Bischoff), Berlin: Berlin-Verl., 2006. ↩
- Der Begriff der Netzwerklogik wird ebenfalls von Castells expliziert und beschreibt bestimmte Mechanismen der Exklusion und Inklusion ↩