Was leistet Researchblogging.org für die interne Wissenschaftskommunikation ?
In meiner provisorischen Mindmap (link) habe ich Weblogs in die Kategorie “interne Wissenschaftskommunikation im weiteren Sinne (offen)” eingeordnet und im zugehörigen Posting darüber nachgedacht wie im Kontext von Weblogs Vertrauen in die (Wissenschaftlichkeit der) Inhalte geschaffen werden kann. Dieses Vertrauen ist notwendig um Bloginhalte dem Bereich interner Wissenschaftskommunkation zuordnen zu können (da im Kontext von Weblogs die institutionelle Instanz fehlt, durch welche die Inhalte automatisch einem seriösen internen Wissenschaftsdiskurs angehören (z.B. Peer-Review) ). Nachfolgend möchte ich nun einen Blick auf ein empirisches Beispiel der blogbasierten Wissenschaftskommunikation werfen.
Www.researchblogging.org scheint dafür aus mehreren Gründen besonders geeignet zu sein, weil es besonders viele verschiedene Aspekte der Vertrauensbildung in sich vereint. Insbesondere vergibt die Seite eine Art Qualitätssiegel für Wissenschaftlichkeit.
Zunächst sollen hier jedoch die grundlegenden Eigenschaften der Seite dargestellt werden. Dazu werde ich primär auf die Selbstbeschreibungen von Researchblogging.org zurückgreifen. Man möge mir die vielen Zitate verzeihen, aber da jede Zusammenfassung auch irgendwie eine Interpreation darstellt, schien es mir am sinnvollsten den originalen Wortlaut der Seitenbetreiber zu verwenden.
In der Analyse der Seite werde ich dann auch auf Fragen der tatsächlichen Realisierung der von Researchblogging.org selbst gesetzten Ansprüche eingehen.
Grundlegendes zu Researchblogging.org
www.Researchblogging.org ist eine Portalseite, die einzelne wissenschaftsbezogene Postings aus verschiedenen externen Blogs selektiert und in neuem Kontext aggregiert. Ziel ist dabei, wissenschaftliche Postings von nicht wissenschaftlichen zu trennen und gesammelt darzustellen:
„Since many blogs combine serious posts with more personal or frivolous posts, our site offers a way to find only the most carefully-crafted posts about cutting-edge research, often written by experts in their respective fields.“
(http://www.researchblogging.org/static/index/page/help)
Es werden hier also nicht ganze Blogs in einem Portal zusammengefasst, sondern lediglich einzelne Postings mit wissenschaftlichen Bezug (und auch jemweils nur die Teaser. Der komplette Artikel findet sich ausschließlich auf der Originalseite).
Auf den Seiten von Researchbloging.org findet sich folgende Selbstbeschreibung:
„ResearchBlogging.org is a system for identifying the best, most thoughtful blog posts about peer-reviewed research. Since many blogs combine serious posts with more personal or frivolous posts, our site offers a way to find only the most carefully-crafted posts about cutting-edge research, often written by experts in their respective fields.“
(http://www.researchblogging.org/static/index/page/help)
Der Betreiber der Seite ist die Research Blogging, Inc. (Davidson / North Corolina) und bezeichnet sich selber als „community-run non-profit organization“. Finanziell getragen wird Researchblogging.org von der Seed Media Group (link). Das Administratoren-Team von Researchblogging.org besteht, wie der Seite zu entnehmen ist (link) aktuell (Dez. 2008) aus sechs Bloggern, die teilweise auch als Autoren bei der der Seed Media Group auftreten bzw. als Blogger im, ebenfalls zur Seed Media Group gehörenden Portal www.scienceblogs.com aktiv sind.
Zugangsvoraussetzungen / Qualitätssiegel / Qualitätssicherung
Um sicherzustellen, dass auf Researchblogging.org tatsächlich nur solche Postings mit wissenschaftlichem Inhalt erscheinen, gibt es ein zweistufiges Aufnahme- und Qualitätssicherungsverfahren. Um Postings auf Researchblogging.org unterzubringen, muss zunächst das komplette Blog registriert werden. Dabei wird von einem Admin überprüft ob bestimmte grundlegende Voraussetzungen erfüllt sind:
„Guidelines for registering with ResearchBlogging.org
By Dave Munger | April 8, 2008
(…)
1. Contain at least one post meeting our guidelines and at least five total posts.
2. Have been updated within the past six months.
3. Be well-maintained by the blogger (e.g. relatively free from spam comments, bad code, etc.).
4. Include original work by the blogger and link or cite materials taken from other sources.
5. Meet community-established standards for decency (e.g. free from pornography, hate speech, etc.).
6. Have some means of contacting the blogger (e.g. email address, “contact” form, comments, etc.).
7. Be freely available to all readers.
8. Be written in a supported language. (Currently English is the only supported language, but we plan on adding additional languages in the future.)I think that’s a pretty good start. Any additional suggestions or comments?“
(http://www.researchblogging.org/news/?p=88)
Die zweite Stufe der Qualitätssicherung bezieht sich auf die einzelnen Postings und findet ex-post durch die Community statt. Die Postings müssen dabei bestimmten Richtlinien entsprechen. Nur wenn diese erfüllt werden, ist das Posting legitim und darf mit dem”Blogging on Peer-Reviewed Research Icon“ als Qualitätssiegel versehen werden. Das Icon gilt dabei nur für einzelne Postings und nicht etwa für ein gesamtes Blog. Das „Blogging on Peer-Reviewed Research Icon“ wird durch den Einbau von speziellem HTML-Code in das Originalposting einen Posting zugeordnet. Auf die gleiche Weise wird das Posting automatisch bei Researchblogging.org in den Aggregationsstream integriert.
Das Posting muss sich, dem Selbstverständnis von Researchblogging.org entsprechend, mit einer Publikation befassen, die ein Peer-Review-Verfahren durchlaufen hat. Research-blogging.org legt in seinen Richtlinien fest, was als legitimes Peer-Review zu verstehen ist:
„While there is no hard-and-fast definition of “peer-review,” peer reviewed research should meet the following guidelines: Reviewed by experts in field, Edited, Archived, Published with clearly stated publication standards, Viewed as trustworthy by experts in field“
(http://www.researchblogging.org/news/?p=53)
Das Posting selbst muss weiterhin folgenden Kriterien genügen:
“Guidelines for using the Research Blogging icon
By Dave Munger | October 26, 2007The post should offer a complete formal citation of the work(s) being discussed.
The post author should have read and understood the entire work cited.
The blog post should report accurately and thoughtfully on the research it presents.
Where possible, the post should link to the original source and / or provide a DOI or other universal reference
number.
The post should contain original work by the post author — while some quoting of others is acceptable, the majority of the post should be the author’s own work.“
(http://www.researchblogging.org/news/?p=53)
Missbrauch, sprich Nichteinhaltung der genannten Kriterien, soll von der Community festgestellt und gemeldet werden. Anschließend solle der Missbrauchsverdacht öffentlich diskutiert werden. Im Wiederholungsfalle droht ein Ausschluss des Blogs von Researchblogging.org:
„Users and readers may report potential abuse of the icons by flagging the post on our site. Reported abuses may
be brought to the attention of readers and discussed publicly online.
Repeated abuse of the icons will result in removal from our aggregation system.“
(http://www.researchblogging.org/news/?p=53)
Auch die Richtlinien selbst unterliegen dabei einer Überprüfung durch die Community von Researchblogging.org:
„These guidelines have been created by the community of ResearchBlogging.org readers. They are subject to ongoing revision so as to maintain the spirit of good scholarship. Again, feel free to suggest modifications in the comments“
(http://www.researchblogging.org/news/?p=53)
Was leistet Researchblogging.org (prinzipiell)?
Abgrenzung wissenschaftlicher Bloginhalte von nicht wissenschaftlichen (Selektion)
Durch den selbst gesetzten Anspruch von Researchblogging.org und die vorhandenen Kriterien für wissenschaftlichen Content, ist Researchblogging.org tatsächlich in der Lage, aus der Flut von Blogbeiträgen solche herauszufiltern, die einen geprüften wissenschaftlichen Text zur Grundlage haben. Allerdings werden durch die Guidelines prinzipiell auch Beiträge mit wissenschaftlichem Inhalt ausgeschlossen, wenn sie sich nicht direkt auf einen bereits veröffentlichten peer-reviewed Text beziehen (z.B. eigene unveröffentlichte Arbeiten, Gedankengänge zu allgemeineren Themen, etc.)
Aggregation von wissenschaftlichen Blogcontent nach Disziplinen
Durch die Möglichkeit Postings verschiedenen Disziplinen zuzuordnen, können über die Filterfunktion entsprechend verwandte Postings gefunden werden.
Vertrauensbildung
Ein Anspruch von Researchblogging.org ist es über den „Blogging on Peer-Reviewed Research Icon“ ein Qualitätssigel zur Verfügung zu stellen, mit dessen Hilfe Blogpostings als „seriös“ wissenschaftlich gekennzeichnet werden können. Das Siegel kann somit auch dazu dienen Vertrauen zu schaffen. Da die Wissenschaftlichkeit durch die beiden Stufen des Qualitätssicherungsprozesses (s.o.) gewissermaßen unabhängig geprüft wurde, wird dem Inhalt damit eine höhere Wertigkeit zugesprochen als nicht geprüftem.
Einschränkend muss hier erwähnt werden, dass die Vertrauens-Funktion erstmal nur prinzipieller Natur ist. Inwieweit Blogpostings, die mit dem „Blogging on Peer-Reviewed Research Icon“ gekennzeichnet sind tatsächlich als „wissenschaftlicher“ angesehen werden als andere Postings, hängt von vielen Faktoren ab, von denen hier nur einige exemplarisch genannte werden sollen. Zunächst sind hier die von Researchblogging.org vorgegeben Richtlinien (Guidelines) für die Anmeldung eines Blogs, der Definition von Peer-Review und den Anforderungen an ein Posting. Weiterhin sind die tatsächliche und wahrgenommene Einhaltung dieser Regeln von Bedeutung. Aber auch die Inhalte der Beiträge selbst unterliegen immer noch der Bewertung des Rezipienten. Darüber hinaus ist auch die Reputation der Autoren ein wichtiger Faktor bei der Einschätzung eines Blogpostings hinsichtlich der Frage, ob er einen ernstzunehmenden wissenschaftlichen Beitrag darstellt. Sofern dem Leser der Autor nicht (hinreichend) bekannt ist, kann er die vom Autor hinsichtlich seiner Identität veröffentlichtetn Infomrationen heranziehen (z.B. die “Über mich” Seite im Blog oder ein Profil auf einer social-network Seite).
Abhängig davon wie sich die Ausprägungen dieser (und anderer) Faktoren tatsächlich darstellen, kann ein „Blogging on Peer-Reviewed Research Icon“ mehr oder weniger „wertvoll“ sein.
Reputation steigernder Faktor für gelistete Blogs und Autoren
Mit dem vorherigen Punkt verknüpft ist die Frage danach inwieweit das den einzelnen Postings verliehene Qualitätssiegel auch postive Effekte auf die eigene Reputation bzw. den gesamten verlinkten Blog (in der Regel sind nur wenige Artikel mit dem „Blogging on Peer-Reviewed Research Icon“ versehen) bzw. den Autor hat.
Entgrenzung von interner Wissenschaftskommunikation (und nicht).
Eine weitere Funktion von Researchblogging.org ist eher auf einer Metaebene zu verorten. So wirkt das Portal an dem von Wissenschaftsblogs (mit) induzierten Aufbrechen der Grenzen von interner und externer Wissenschaftskommunikation auf eine spezielle Art mit. Durch die genuine Öffentlichkeit von Blogbeiträgen und damit auch der Postings aus Researchblogging.org wird der Prozess der Entgrenzung interner Wissenschaftskommunikation dahingehend unterstützt, dass fachinterner Diskurs (unterhalb der Ebene des „offiziellen“ schriftlichen Fachdiskurses) außerhalb geschlossener Zirkel (wie Konferenzen, Arbeitstreffen oder anderen, informellen Zusammenkünften). Andererseits trägt das Qualitätssiegel und die Darstellung der Inhalte in einem Kontext des wissenschaftlichen Diskurses dazu bei, Inhalte eines in der Öffentlichkeit geführten internen Wissenschaftsdiskurses auch institutionell in einen wissenschaftlichen Kontext einzubetten und damit in gewisser Weise neue Grenzen innerhalb der Blogosphäre zu ziehen. Nämlich zwischen geprüftem und ungeprüften wissenschaftlichen Content. Diese Institutionalisierungen sind im Bereich von Weblogs zur Zeit noch recht selten, scheinen aber zuzunhemen.
Was leistet Researchblogging.org nicht ?
Vernetzung
Researchblogging.org leistet keinen (oder nur einen geringen) Beitrag zur einer Vernetzungen zwischen den Bloggern, da es lediglich eine Linkliste (mit Teasern) darstellt. Die Vernetzung über Kommentare und Trackbacks findet jeweils auf den Originalseiten statt. Lediglich über den an die Hauptseite angeschlossenen Diskussionsblog findet eine mittelbare Vernetzung statt.
Wissenschafts-Suchmaschine
Da die Anzahl der Postings bei Researchblogging.org zwar nominal recht hoch, aber im Kontext aller relevanten wissenschaftlichen Blogeinträge doch eher überschaubar ist, kann die Seite (noch) nicht als wissenschaftliche Suchmaschine verwendet werden. Darüber hinaus wird nur Content bei Researchblogging.org gefunden, der explizit dort eingestellt wurde. Researchblogging.org durchsucht nicht das Internet nach relevanten Beiträgen.
Februar 9th, 2009 13:41
[...] http://schmirblog.info/?p=179 [...]
Februar 9th, 2009 13:45
Schöner Artikel!
Bleibt noch hinzu zu fügen, dass es ResearchBlogging mittlerweile auch auf Deutsch gibt: http://www.scienceblogs.de/weitergen/2008/09/researchblogging-relaunch-jetzt-mit-deutschen-blogs.php